Für den offenen Dialog zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen

Aktuelles

Der lange Weg

Vortragsreihe des Behindertenrats zusammen mit dem Bildungszentrum

Von Harald Döbrich

Seit Mai läuft eine Vortragsreihe des Behindertenrats. Der Rat arbeitet dabei mit dem Bildungszentrum zusammen. Bisher fanden vier Vortragsabende statt. Sie liefen online, man konnte über das Internet daran teilnehmen.

Geschichte der Psychiatrie

Die Reihe wurde am 7. Mai eröffnet. Nach Grußworten des Oberbürgermeisters und des Bezirkstagspräsidenten sprach Professor Dr. Günter Niklewski über die Geschichte der Psychiatrie. Er beschrieb, wie vor 150 Jahren sich ein verhängnisvolles Denken breitmachte. Studierte Menschen glaubten, über den Wert und den Unwert eines Menschen bestimmen zu können. Die Untaten im Nazireich folgten dieser Denkweise. Die Nazis folgerten für sich daraus auf ein Recht und eine Pflicht, unwertes Leben auszumerzen. Es wurden Ärzte bestimmt, die diesen Auftrag ausführen sollten. Hunderttausende Menschen wurden ermordet. Von Ärzten und Pflegern. Von Leuten, von denen die Opfer eigentlich Hilfe erwarten konnten. 

Am zweiten Abend traten die Opfer der Vernichtungsaktion in den Mittelpunkt. Professor Burmester aus München las aus seinem Buch „Versandung“. Er erzählt darin vom Leben seiner Tante, die in jungen Jahren sterben musste. Sie musste sterben, weil sie anders war. Man hatte sie lange vergessen. Erst in den letzten Jahren begab sich Professor Burmester auf die Suche nach ihren Spuren. Und er fand Berichte aus den Heil- und Pflegeanstalten. Er beschreibt im Buch Versuche, die junge Frau zu retten. Diese scheiterten. Sie wird umgebracht. Durch die zurückgeholten Erinnerungen findet die Tante ihren Platz in der Familiengeschichte wieder. Sie ist nicht mehr vergessen. Zwei Familien aus Nürnberg berichteten von ähnlichen Erfahrungen. Wie sich die Erinnerung an fast vergessene Familienmitglieder einstellt. Sie beschrieben, wie schwer es ist, vom Schicksal dieser Angehörigen zu erfahren. Und wie wichtig es ist, sie in die Erinnerung zurückzuholen.

Formen des Widerstands

Der dritte Abend zeigte, dass es auch Formen des Widerstands gab. Am Beispiel des Dorfes Absberg am Brombachsee erwies sich, dass ein Aufbegehren gegen diese unmenschliche Politik sogar erfolgreich sein konnte. Fast alle Bewohner des dortigen Wohnheims überlebten die Mord­­aktionen. Aus Neuendettelsau wurden dagegen viele Menschen, mehr als Tausend, weggebracht und in die Vernichtungsanstalten ausgeliefert.

Das Nazireich ist untergegangen. Es gab mit der Bundesrepublik Deutschland einen neuen Anfang. Und doch blieb viel von der Denkweise der Nazis übrig. Es gab keine Reue über die Untaten. Die Opfer der sogenannten Euthanasieaktion wurden fast vergessen. Manche Gerichte fanden es sogar irgendwie richtig, dass die Menschen mit Behinderungen umgebracht worden sind. Den Tätern zahlte man ihre Pensionen, die Opfer wurden verhöhnt. Sie sollten vergessen werden. Dagegen wehren sich viele Leute. Unter anderem eine Schulklasse in Nürnberg.
Die beschäftigte sich mit dem Leben und Sterben von sechs Nürnbergerinnen und Nürnbergern. Sie sind in den Vernichtungsanstalten ermordet worden. Die Schülerinnen und Schüler suchten nach Unterlagen. Sie konnten viel über das Leben dieser Menschen erfahren. Sie fanden heraus, wo sie gewohnt hatten. An diesen Adressen verlegten sie Stolpersteine. So bewahren sie die Erinnerung an diese Menschen. Harald Döbrich

Zum Thema:

Margarete Müller kam am 30. September 1898 in Nürnberg zur Welt. Ihre Eltern nannten sie Grete. Sie hatte eine größere Schwester. Ihr Vater Georg Müller arbeitete in Nürnberg als Geschäftsführer. Er war beim „Deutschen Werkmeister-Verband“, einer Art Gewerkschaft. Die Mutter Auguste arbeitete als Schneiderin. Die Familie wohnte in der Heideloffstraße 24 in Nürnberg. Grete hat nach der Schule mehrere Berufe gelernt. Sie arbeitete als Erzieherin an verschiedenen Orten im Deutschen Reich. Und sie machte eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin. Sie lernte auch weben und kunstweben. Sie hat auch selbst unterrichtet. Doch ihr Leben änderte sich. Sie stürzte die Treppen hinab. Sie verletzte sich schwer. Sie musste oft ins Krankenhaus und in Sanatorien. Deshalb konnte sie nicht als Gymnastiklehrerin arbeiten. Für Grete Müller war das schwer zu ertragen. Im September 1934 kam sie in die Heil- und Pflegeanstalt Erlangen. Dort stellten die Ärzte Schizophrenie fest. Das Erbgesundheitsgericht Erlangen ordnete die Zwangssterilisierung an. Das bedeutet, dass Grete keine Kinder bekommen durfte, weil sie krank war. Sie lebte ständig in der Anstalt. Deshalb kam es nicht zu der Operation. Gretes Mutter wollte, dass Grete verlegt wird. Im Sommer 1938 kam Grete in ein katholisches Krankenhaus in Bamberg. Ihr Zustand wurde nicht besser. Grete wollte zurück nach Erlangen. Dort war aber kein Platz mehr frei. Deshalb kam sie in die Heil- und Pflegeanstalt Ansbach. Am 3. Dezember 1940 musste Grete in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz. Sie wurde in der Gaskammer ermordet. Sie wurde 42 Jahre alt.

Wir danken den Schülerinnen und Schülern des Hermann-Kesten-Kollegs und Ulrike Löw, die uns diesen Text zur Verfügung gestellt haben. Die Vortragsreihe des Behindertenrats geht im Herbst weiter. Vom Bildungszentrum wird eingeladen werden. Wir werden auch in den kommenden Folgen an Schicksale von Menschen erinnern, die den Krankenmorden zum Opfer fielen.

Weitere Informationen zu diesem Thema hier:

https://diversitymedia.info/medizinverbrechen

https://www.medienwerkstatt-franken.de/video/ns-euthanasie-in-neuendettelsau-und-ansbach-diakonie/

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