Für den offenen Dialog zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen

Kommentar

Auf der schiefen Bahn

Von Harald Döbrich

Selektion vor der Geburt – der Test auf Trisomie21.

Der Druck wird wachsen!
Der Gemeinsame Bundesausschuss hat entschieden. Er schloss in seinen Augen eine Gerechtigkeitslücke. Werdende Eltern, die genügend Geld hatten, haben bisher schon von diesem risikoarmen Test Gebrauch gemacht. Nun zahlt ab dem Frühjahr die Krankenkasse auch für solche Eltern, die es sich bisher nicht leisten konnten. Für sie wird der Druck wachsen. Vor allem künftige (Nicht-)Eltern einer definierten Risikokohorte werden strenger gebeten werden, diesen Test wahrzunehmen. Der Druck wird wachsen, ein Kind mit diesem Makel nicht auszutragen; es abzutreiben.

Es gab viele Diskussionen im Vorfeld. Auch eine Bundestagsdebatte, die viel Unbehagen zeigte bei der Verhandlung dieses Themas. Und sie konnte den Menschen mit Down-Syndrom, die fragten, wie willkommen sie denn noch seien, keine Antwort geben.

Medizinischer Fortschritt in eine würdelose Gesellschaft?
Der Test auf Trisomien ist nun in der Welt. Medizinischer Fortschritt!? Er wird genutzt. Auch wenn seine Zuverlässigkeit umstritten ist.

Auch wenn er mit zwingender Beratung einher geht, er vermittelt die Botschaft: Kinder mit Down-Syndrom müssen nicht sein. Liebe Eltern, denkt an euer Lebensglück und an eure Verantwortung für die Gesellschaft. Wir haben nun die Möglichkeit, Menschen mit Down-Syndrom im Lauf der Zeit aus unserer Gesellschaft auszuscheiden, sie auszumerzen. In ein, zwei Generationen wird es sie nicht mehr geben. Damit wäre ein Teil des Traums derer endlich erfüllt, die vom gesunden Volkskörper schwafelten und immer noch schwafeln. Und die Ökonomen, denen soziale Ausgaben seit jeher verdächtig sind, werden die eine oder andere Flasche Schampus köpfen. Die Gesellschaft mag dann „gesünder“ wirken. Sie wird es nicht sein. Sie ist krank und würdelos, sich auf eine solche schiefe Ebene zu begeben.

Die Übermacht der Bedenkenträger!
Denn: Wird es genügend Menschen geben, die schon vor dem Test, den künftigen Eltern Lust machen auf das Kind, egal wie der Test ausfällt? Und wenn der Test „positiv“ ausgefallen ist? Wenn die Möglichkeit festgestellt wurde, da bildet sich ein Kind aus, das sehr wahrscheinlich anders sein wird? Anders als die „Gesunden“, die „Normalen“. Gibt es dann genügend Menschen, die der künftigen Mutter, dem künftigen Vater Lust machen auf so ein Kind? Lust und Mut machen für ein Kind mit Down-Syndrom, das anders aufwachsen wird, als die „normalen“, die „gesunden“ Kinder. Gibt es Menschen, die sagen werden und davon überzeugt sind, die Chance mit diesem Kind glücklich zu werden ist genauso wirklich wie bei allen anderen Kindern.

Zu befürchten, zu erwarten ist, es wird nicht genügend solche Menschen geben. Es wird zu wenig Beraterinnen und Berater geben, die mit voller Überzeugung solche Auffassung vertreten. Es werden die Bedenkenträger überwiegen, die Ängstlichen mit ihrer Furcht vor Haftungsfragen werden in Übermacht sein. Und es wird Gerichte geben, die die in Haftung nimmt, die von einer Abtreibung abrieten.

Dabei ist es ganz anders!
Das Risiko dieses Kindes, ein Vorgesetzter zu werden, der seine Mitarbeiter mittels Überwachungstechnik bis aufs Klo verfolgt, ist gering. Es wird uns allen eher den Spiegel vorhalten und uns zeigen, welchen Knall wir eigentlich haben.

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