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Nur online zum Amt?


Screenshot: leo

Von leo

Als AC/DC vor einigen Jahren eine Welt-Tournee starteten, waren die Karten innerhalb von zwölf Minuten ausverkauft. Trotzdem ist es wahrscheinlicher, Tickets für die australische Rockband zu bekommen, als derzeit einen Termin beim Einwohnermeldeamt der Stadt Nürnberg.

Denn dies ist momentan nahezu unmöglich. Einfach zur Behörde gehen, eine Nummer ziehen und warten geht nicht. Nur wer vorab einen Termin online bucht, wird vorgelassen. Aber: Über das Online-Portal (https://nuernberg.termine-reservieren.de/) bekommt man praktisch rund um die Uhr nur den Hinweis, dass keine Termine verfügbar sind (siehe Screenshot). Ein Leser berichtet, dass er seit Herbst 2021 regelmäßig – mindestens zwei bis dreimal pro Woche – versucht einen Termin für die Ausweisverlängerung zu bekommen, leider immer ohne greifbares Ergebnis.

Auch Elisabeth P.*, Leserin unserer mittlerweile eingestellten Print-Ausgabe, hat sich wegen Problemen mit den städtischen Behörden an uns gewandt. Die Dame ist inzwischen 90 Jahre alt und schwerbehindert. Kürzlich hat sie festgestellt, dass sie im Sommer einen neuen Personalausweis braucht. Nach einem Bericht der örtlichen Tageszeitung in dem angegeben wurde, man könne einen Termin am Telefon (09 11 / 231-0) beantragen, wollte die Seniorin über die Zentrale dies tun.

Die Mitarbeiterin der Telefonzentrale erklärte ihr jedoch, dass eine Terminvergabe telefonisch nicht möglich sei, sie dies aber online – am besten freitags zwischen 10.45 und 10.50 Uhr (!) – erledigen könne.
Auf den Hinweis von P., dass sie keinen Zugang zum Internet habe und sich damit auch nicht auskenne, gab ihr die städtische Mitarbeiterin den Rat, sie möge sich am Mittwoch vor dem Einwohnermeldeamt anstellen. Mit viel Glück käme sie dann auch dran. Außerdem müsse sie entsprechend Zeit mitbringen.

Als die Seniorin darauf erwiderte, sie könne sich – auch aufgrund ihrer Schwerbehinderung – nicht den ganzen Tag bei Kälte und Regen vor ein Amt stellen, wurde das Gespräch von der städtischen Mitarbeiterin mit der Antwort: „Ihnen kann man es aber auch gar nicht recht machen“ abrupt beendet.

Wir wollten daraufhin wissen, wie Menschen mit Behinderung oder Senioren, die weder online einen Termin buchen können (z.B. weil ihnen die notwendige Ausrüstung, das Wissen oder die motorischen Fähigkeiten fehlen) noch sich stundenlang vor dem Amt anstellen können, an einen Termin für einen neuen Personalausweis oder ähnliche Dokumente kommen.

Wir fragten beim Presseamt der Stadt Nürnberg nach, welche (realistische) Möglichkeit die Verwaltung für dieses Klientel hat, das vermutlich mindestens ein Fünftel der Stadtbevölkerung ausmacht?

Dazu teilte uns Andreas Franke, Leiter des Amtes für Kommunikation und Stadtmarketing der Stadt Nürnberg, folgendes mit:

„Es gibt derzeit mehrere Wege zur Stadtverwaltung bzw. zum Bürgeramt:

  • online-Termine; diese werden ab Mitte April nicht mehr wöchentlich, sondern täglich neu eingestellt, die Kapazitäten werden erhöht; diese Termine können auch telefonisch nachgefragt werden; das Service-Center kann intern weiterleiten, unser Kundenreaktionsmanagement hält genau für solche Fälle Ansprechpartner vor (bitte auch die besondere Situation ansprechen)
  • Spontanbesuche sind derzeit nur mittwochs am Vormittag möglich, ab Mitte April wird dies täglich am Vormittag möglich sein. Hier werden Menschen mit Einschränkungen immer vorrangig behandelt, wenn sie dies dem Sicherheitsdienst am Eingang auch mitteilen.“

Welche Erfahrungen haben Sie aktuell mit der Stadtverwaltung gemacht? Schreiben Sie uns Ihre Erlebnisse über die Kommentar-Funktion. (Für eine Veröffentlichung benötigen wir den vollen Namen – dieser wird auf Wunsch aber nicht veröffentlicht.)

*Name der Redaktion bekannt

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